Logo FRANKFURT.de

17.04.2018

Wie Frankfurt Großstadt wurde (Teil 2)

Frankfurt wächst, nicht erst in jüngster Vergangenheit – seit jeher musste die Stadtregierung für Wohnraum sorgen

Frankfurt wächst in atemberaubendem Tempo. Für die Stadt entsteht daraus die Herausforderung, ausreichend und vor allem auch bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Doch in welchen Intervallen hat sich die Stadt in der Vergangenheit ausgedehnt und was sagen Experten zum aktuellen Boom der Mainmetropole? Diese und viele weitere Fragen beantworten wir unter dem Titel „Frankfurt wächst“ im Laufe der kommenden fünf Tage in einer dreiteilige Serie.

Als erstes versenden wir das zweiteilige Feature mit dem Titel „Wie Frankfurt Großstadt wurde“. Es folgt der Beitrag „Wie ein neuer Stadtteil entsteht“ zu den aktuellen stadtplanerischen Herausforderungen. Zum Abschluss kommt Planungsdezernent Mike Josef im Interview zu Wort und erklärt, ob Frankfurt das Potenzial zur Millionenmetropole hat und an welchen Orten die Stadt noch wachsen kann und soll.
_____________________________________________________________________

(ffm) Mit wenigen kurzen Unterbrechungen wächst die Bevölkerung Frankfurts seit 150 Jahren kontinuierlich an. Immer wieder stand die Stadtregierung vor der Notwendigkeit, schnell und in großer Zahl Wohnungen bereit zu stellen. Zur Beseitigung der Wohnungsnot wurden auch Siedlungen und neue Stadtteile geplant und errichtet. (Teil 2/2)

Hatten 1943 noch fast 550.000 Einwohner in Frankfurt gelebt, waren bei Kriegsende 1945 nur noch 265.000 Menschen in der Stadt. Nach 1945 wurde der Wohnungsbau im Rahmen des Wiederaufbaus erneut aufgenommen. Bereits 1948 waren 36.000 von 80.500 zerstörten und 53.000 stark beschädigten Wohnungen wiederhergerichtet. 1954 war mit 170.000 Wohneinheiten der Vorkriegsstand annähernd erreicht und alsbald schon übertroffen; allerdings hatte die Stadt auch 70.000 Einwohner mehr als vor dem Krieg.

Oberbürgermeister Walter Kolb mit Amtskette, © Institut für Stadtgeschichte
Dieses Bild vergrößern.

Wiederaufbau und „die Unwirtlichkeit der Städte“

Mit dem Wiederaufbau einher ging indes auch eine planerische Neuausrichtung. Anstatt die zerstörten Teile auf den alten Grundrissen wiedererstehen zu lassen, verfolgte Oberbürgermeister Walter Kolb die Vision einer aufgelockerten, autogerechten Stadt, was eine grundlegende Umstrukturierung des Verkehrsnetzes erforderte. Ebenso veränderte sich die Wohnungsbaupolitik. Hatte man in der Ära Mays in markanter Absteckung des Stadtrandes unter Einschluss innerstädtischer Freiflächen große Siedlungen errichtet, dockte man nach 1945 Siedlungsgebiete an bereits bestehende Ortsteile an. Diese Projekte waren mit etwa 500 bis 1.500 Wohnungen in der Regel auch sehr viel bescheidener dimensioniert als die oft mehr als doppelt so großen Großprojekte der 20er Jahre, denn neue Trabantenstädte waren ausdrücklich nicht erwünscht. Der eigentliche Wiederaufbau war Ende der 50er Jahre abgeschlossen und in ein erneutes rapides Anwachsen der wieder aufblühenden Wirtschaftsmetropole gemündet. 1959 zählte Frankfurt schon 639.000 Einwohner, 1963 dann schon 690.000. Anstatt allerdings wie geplant bis 1970 die Linie von 700.000 zu überschreiten, sank die Stadtbevölkerung auf dann 642.000 herab – die Menschen bauten im grünen und vor allem billigeren Umland. Von Kriegsende bis Ende der 60er, noch vor dem Bau der Nordweststadt wurden in Frankfurt etwa. 30.000 Wohnungen in neuen Siedlungen errichtet, ein rundes Drittel des gesamten Wohnungsbaus.

Erste Großsiedlungen mit urbanem Mikrokosmos entstehen

An der Wohnraumknappheit änderte sich dennoch wenig. Unter dem Schlagwort „Urbanität durch Dichte“ sollten nunmehr neue Großsiedlungen entstehen, wie die Nordweststadt mit 15.890 Wohneinheiten, die die alten Ortsteile Heddernheim, Praunheim und Niederursel integrierte und 1962 von den ersten Einwohnern bezogen wurde. Als „Gebaute Sozialpolitik“ in Anlehnung an Ernst May – er selbst war ebenso wie einige seiner früheren Mitarbeiter an dem Projekt beteiligt – sollte sie nicht nur Wohnraum, sondern einen gesamten urbanen Mikrokosmos mit Einkaufszentrum, Schwimmhalle, Schulen, Heizwerk, und U-Bahnlinie zur Verfügung stellen. Dieses Nordwestzentrum als neue künstliche Stadtteilmitte wurde 1968 fertig, blieb jedoch wie viele andere Zentren dieser Art hinter den Erwartungen zurück – „Urbanität“ ließ sich offensichtlich nicht baulich erzwingen. Immerhin vermied die Nordweststadt die einförmige Tristesse anderwärtiger Trabantenstädte.

Angesichts dieser Dimensionen waren Siedlungen daher sehr prägend für das Stadtbild. Im großen Ganzen wurden Fehler im Siedlungsbau anderer Großstädte wie Überkonzentration, Massenmenschenhaltung, Monofunktionalität weitgehend vermieden, andererseits dem immensen Flächenverbrauch der „Häuslebauerei“ entgegengewirkt. Dennoch zog die sterile Eintönigkeit der lakonischen Baukultur der 50er und 60er Jahre mit ihrer trostlosen Langeweile heftige Kritik aus verschiedenen Wissenschaftszweigen auf sich. Generell wurde der deutsche Städtebau, einer zu geringen Achtung vor der verbliebenen historischen Bausubstanz und der Schaffung „unbewohnbarer Betonwüsten“ geziehen. Das Frankfurt jener Jahre war Anlass für Mitscherlichs Buch „Von der Unwirtlichkeit unserer Städte“.
Tatsächlich wurden nach der Nordweststadt bis etwa 1980 noch rund 8.000 Wohnungen in zehn Siedlungsgebieten geschaffen. Die Anonymität und Monotonie einiger dieser monumentalen Baugruppen wie am Frankfurter Berg, Ben-Gurion-Ring oder im Mainfeld mit abgestuften Hochhäusern der 60er und 70er Jahre leistete der Entstehung sozialer Brennpunkte Vorschub, die inzwischen durch aufwändige sozialpolitische Maßnahmen angegangen werden. Hinzu kommen Probleme mit der Betonarchitektur dieser Zeit, die vielfach Bauschäden mit entsprechendem Sanierungsbedarf aufweist.

Häuserkampf in Frankfurt, 1973, © picture-alliance/dpa, Foto: Roland Witschel
Dieses Bild vergrößern.

Neue Flächen, neue Chancen

Die 70er und 80er Jahre leiteten eine Phase des Umdenkens ein; demographische und gesellschaftspolitische Veränderungen, schließlich auch die große Politik gewannen zunehmend an Einfluss auf Stadtplanung und Baupolitik. Anfang der 70er Jahre stellte der legendäre „Häuserkampf“ in der Auseinandersetzung mit der Bodenspekulation und der Bebauung des Westends die Frage nach der „Abkopplung des Sozialen von der Ökonomie“ beim Bauen neu; im Ergebnis wurde der Stadtumbau zu einer Hochhauslandschaft zugunsten des Erhalts alter Gebäude aufgegeben. Unter dem Eindruck der zeitweiligen Stagnation der Bevölkerung lenkte Frankfurt Mittel in die Aufwertung der Innenstadt um, womit die Schaffung des Museumsufers und der Bau der Ostzeile auf dem Römerberg ermöglicht wurde. Wie schon der Widerstand im Westend markiert auch die Ostzeile zugleich den Beginn der Suche nach historischen Identitätsankern in der sich rasch wandelnden Stadtlandschaft.

Zum vorerst – und vermutlich dauerhaft – letzten Mal eröffnete die Hessische Kommunalreform von 1972 mit der Eingemeindung einiger noch dörflich geprägter Kommunen am Nordrand der Stadt die Möglichkeit zu großflächigen Planungen und ermöglichte den Bau der Wohnstadt „Am Bügel“ zwischen Bonames und Nieder-Eschbach.

US-Truppen und Betriebe machen Platz für Wohnbebauung

Das Ende des Ost-West-Konflikts, Globalisierung und das Zusammenwachsen Europas bescherten der Stadt nicht nur einen abermaligen Zuwachs auf deutlich über 700.000 Einwohner. Der Abzug der US-Truppen mobilisierte indes auch neue Wohnungsreserven. Die Stadt erwarb 1998 rund 1.600 Wohnungen aus US-Beständen, und an zahlreichen Stellen im Frankfurter Norden wurden Housing-Areas, Funktionsgebäude und Kasernenanlagen der Amerikaner umgebaut oder wichen Neubauten.

Daneben war es vornehmlich der wirtschaftliche Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsmetropole, der vormalige Wirtschaftsgelände für Wohnzwecke freimachte: Die Westhafenbebauung, der Schlachthof und der Auszug des einstigen Bockenheimer Unternehmens Hartmann & Braun schufen Raum, der zum Teil für neue Mischnutzungen aus Büro- und Wohnflächen umgewidmet wurde. Denn auch die strikte Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsbereichen hatte sich als Irrweg der Stadtplanung erwiesen. Ein solcher war auch der Bau der Bürostadt Niederrad gewesen. Die künstliche Stadt gilt heute als Negativbeispiel der Bauwut jener Jahre. Die Separation von Wohnen und Arbeiten für inzwischen rund 35.000 Beschäftigte erzeugte neue Pendlerströme, und abends gleichen die leeren Straßen denen einer Geisterstadt. Nach nunmehr 50 Jahren wird eine Umkehr eingeleitet. Zumindest Teile des heutigen Leerstandes sollen zu Wohnungen für bis zu 8.000 Nutzer umgebaut, das Quartier durch die Umbenennung zum „Lyoner Viertel“ auch vom Image her aufgewertet werden.

Wohnhäuser im Stadtbezirk Riedberg, 2015, © Stadt Frankfurt, Foto: Christian Christes
Dieses Bild vergrößern.

Zwei neue Stadtbezirke und eine neue Altstadt

Wohnen und Arbeiten enger zusammenführen soll auch der neu entstehende Stadtbezirk Riedberg, dessen Entwicklung im Jahr 2001 begann, und der bis 2020 fertiggestellt sein soll. Nach und nach entsteht eine komplette Bebauung mit Ein- und Mehrfamilienhäusern, Eigentums- und Mietwohnungen, Geschäften, Parks und Grünverbindungen, Restaurants, Büros, Kindereinrichtungen, Schulen und einem Medizinischen Zentrum, Hotels und Dienstleistungsbetrieben, die bei Fertigstellung in 6.000 Wohneinheiten rund 16.000 Einwohnern rund 8 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt eine Heimat bieten soll. In unmittelbarer Nähe entstehen etwa 3.000 Arbeits- und 8.000 Studienplätze auf dem Campus Riedberg der Goethe-Universität Frankfurt mit seinen angegliederten Instituten, Forschungszentren und Unternehmen.

Unmittelbar an die Innenstadt anschließen wird das Europaviertel auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs. Im Jahr 2005 wurde mit der Erschließung begonnen und bis 2019 soll das Projekt mit Büros, Hotels, Wohnungen, einer Schule und sozialer Infrastruktur, Parks sowie Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten fertiggestellt sein. Auch hier sollen für rund 10.000 Einwohner Wohnen und Arbeiten auf einem der 30.000 Arbeitsplätze in räumlicher Nähe möglich sein.

Und auch im ältesten Teil Frankfurts, der 1944 im Bombenhagel untergegangenen Altstadt, werden bald wieder Menschen wohnen können. Der Abriss des nicht mehr sanierungsfähigen Technischen Rathauses eröffnete den Weg zur Neuerstehung eines an historischen Vorbildern orientierten Bauensembles zwischen Dom und Römer, in dem im September 2018 die ersten Bewohner die Eröffnungsfeier verfolgen können.

Text: Thomas Scheben