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17.05.2017

Die einmalige Chance, ein Museum neu zu erfinden

Museumsdirektor Dr. Jan Gerchow, © Historisches Muuseum Frankfurt
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Am 20. und 21. Mai kann man erstmals das neue Quartier des Historischen Museums erkunden

(kus) Am 17. Mai ist der Neubau des Historischen Museums nach zehn Jahren Bauzeit offiziell an das Kulturdezernat übergeben worden. Drei Tage danach fällt der Bauzaun, alle Frankfurter und Besucher der Stadt sind am 20. und 21. Mai eingeladen, das neue Museumsquartier zu erkunden. Jan Gerchow, der Direktor des Historischen Museums, spricht anlässlich der „freundlichen Übernahme“ über erfolgreiche Stadtlabore, Partizipation, die künftige Ausrichtung des Hauses und die einmalige Chance, ein ganzes Museum neu denken zu dürfen.

Herr Gerchow, so kurz vor dem Ende der Bauarbeiten – wie fühlen Sie sich?

Wir sind noch nicht am Ende aller Mühen. Am 20. und 21. Mai laden wir die Bürgerinnen und Bürger zur „freundlichen Übernahme“ ein, das Museum eröffnen wir Ende September, Anfang Oktober. Erst dann sind zehn Jahre intensiver Arbeit abgeschlossen. Bis dahin haben wir noch viel vor: Wir richten die Ausstellungen ein, weisen den Exponaten ihre Plätze zu – das ist der Höhepunkt aller Vorbereitungen.

Was erwartet die Besucher bei der „freundlichen Übernahme“ am 20. und 21. Mai?

Wir öffnen erstmals den Bauzaun, alle sind herzlich eingeladen, das neue Museumsquartier und den Platz zwischen dem Neu- und dem Altbau zu entdecken. Dort können sie die Spolien und die Skulpturensammlung an den Fassaden aus der Nähe betrachten, einen Blick auf den Stauferhafen werfen, das neue Foyer und die Gastronomie besuchen – das Café Frankfurt wird ab dem Bürgerwochenende geöffnet sein.

Wie sieht das Historische Museum der Zukunft aus?

Unser Haus wird ein Ort der Diversität sein – es kann nicht eine Ausstellung für alle geben. Stattdessen machen wir verschiedene Angebote für verschiedene Zielgruppen, abhängig von ihrem Zeitbudget oder Vorwissen, von ihrem Alter oder auch ihrer Herkunft. Globale Gäste, die nur eine halbe Stunde Zeit haben, sollen unser Haus ebenso gern besuchen wie Besucher aus der Region oder Kulturreisende, die sich tiefgehende Informationen wünschen. Im neuen Museumsquartier werden wir immer parallel acht Angebote machen.

Vom Fachmuseum für Geschichte zum Stadtmuseum – wie vollziehen Sie diesen Schritt?

Das Historische Museum ist kein Haus für spezielle Interessen, wir sind das Universalmuseum für Frankfurt. Als Stadtmuseum spielen wir im 21. Jahrhundert eine besondere Rolle: Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten, hier kommen Menschen an, finden Globalisierung und Migration statt, hier wird sichtbar, was Menschen bewegt. Unsere Aufgabe ist es, Bürger und Gäste einzubeziehen und diese Multiperspektivität im Museum sichtbar zu machen – neben unserem Auftrag, die Geschichte Frankfurts zu bewahren und auszustellen.

Wie gelingt das?

Indem wir unsere Besucher beispielsweise auffordern, mit Kommentaren aktiv zu unseren Ausstellungen beizutragen oder im Vorfeld an der Entwicklung von Schauen mitzuwirken. Wir wollen, dass die Bürger partizipieren, also teilhaben. Dem einzelnen Kurator stellen wir ein vielstimmiges Kollektiv gegenüber. Es gibt Stimmen, die das für beliebig und schwierig halten. Für unser Team ist es ein produktives Miteinander.

Waren die Stadtlabore der vergangenen sieben Jahre ein Testlauf?

Wir wollten den vielen Experten außerhalb der Museumsmauern die Möglichkeit bieten, sich mit ihrem Wissen, ihren Projekten oder Sammlungen einzubringen. Mit den Stadtlaboren konnten wir testen, was und wie es funktioniert, und feststellen, dass es in Frankfurt viele ehrenamtliche Museumsmitarbeiter gibt: rund 500 haben sich bereits beteiligt, viele wollen weitermachen. Diesen wertvollen Schatz werden wir pflegen.

Können Sie ein Projekt für die Zukunft nennen?

In der Ausstellung „Schwierige Dinge“ thematisieren wir legalisierten Kunstraub in der NS-Zeit und fragen die Frankfurter: Was wissen Sie von Objekten, Möbeln oder auch Immobilien, die in dieser Zeit in den Besitz Ihrer Familie kamen?

Setzt das Historische Museum mit seinem partizipatorischen Ansatz Maßstäbe?

In der Fachwelt wird unser Schritt sehr beachtet. Wir gehören zu den ersten, die es in diesem Maß versuchen – partizipativ zu arbeiten ist in Deutschland bisher wenig verbreitet, kommt aus dem angelsächsischen Raum. In Frankfurt ist er nicht ganz neu, schon in den 1970ern hat das Historische Museum erste Versuche gemacht.

Sie sind seit 2005 Direktor der Historischen Museums – stand damals bereits fest, dass es einen Neubau geben wird?

Nein. Ich wurde zwar gefragt, ob ich mir einen Neubau vorstellen kann. Aber fest stand bis dato nur, dass der alte Betonbau saniert werden muss. Einem Neubau stand ich damals sehr skeptisch gegenüber. Ich hatte das sogenannte Kölner Loch vor Augen – den Neubau des Rautenstrauch-Joest-Museums, der 15 Jahre lang eine Baugrube war.

Die Frankfurt haben schneller gebaut...

Ich hätte dennoch nicht gedacht, dass es zehn Jahre dauern würde. Ursprünglich war die Eröffnung für 2012 angedacht. Dann gingen wurde der historische Stauferhafen gefunden, was ein Jahr Baustopp mit sich brachte, wir mussten uns von mehreren Firmen trennen. Ein Jahr lang war das Museum komplett geschlossen, bevor wir 2012 mit Saalhof, Bernus-, Burnitzbau und Rententurm den sanierten Altbau wieder bespielen konnten. Inzwischen ist die Grenze der Spannung erreicht. Wir alle fiebern der Eröffnung des Museums im Herbst entgegen.

Der alte Betonanbau aus dem Jahr 1972 galt vielen als hässlichstes Gebäude der Stadt. Wie sahen Sie ihn?

Er war ein Kulturbau seiner Zeit. Er sah aus wie eine Gesamtschule – und das wollte er auch sein: Ein Lernort, kein Museumstempel, ein Ort, der keine Ehrfurcht gebietet, sondern der von jedem benutzt werden soll. Ein Kulturtempel kann gerade für Menschen, die nicht aus dem Kulturbürgertum kommen, eine Schwelle darstellen. Sie fragen sich, ob sie hineingehen dürfen, darin richtig sind.

Wäre die Neuausrichtung des Historischen Museums auch im sanierten Betonbau möglich gewesen?

Wir hätten uns selbstverständlich auch ohne Neubau Gedanken über Inhalte und Angebote für die Zukunft gemacht. Aber die Entscheidung für ein neues Haus hat unsere Bereitschaft beflügelt, Gewohntes aufzugeben. Wir konnten Identität und Ausrichtung des Museums völlig neu denken. Eine einmalige, fantastische Möglichkeit. Mit der Hypothek, zehn Jahre lang für die Verwirklichung zu arbeiten.